Wohin könnt ich mir entfliehen, hätte ich nicht die lieben Tage meiner Jugend?
Friedrich Hölderlin, Hyperion

Es war dieses unangenehme Kleben in meinem Mund, das mich veranlasste, ein paar Mal vernehmlich zu schmatzen. Dieses Geräusch machte mich endgültig wach. Mit der Zungenspitze leckte ich das krustige Salz aus meinen Mundwinkeln. Auch meine Augen waren verklebt und brannten. Nachdem ich sie kräftig gerieben hatte, riskierte ich es für einen kurzen Moment die Lider anzuheben. Beinahe mörderisch brach Licht durch die Frontscheibe des nach Süden brausenden Käfers und stach meine Netzhaut wie ein Flammenschwert. Keine Sekunde konnte ich meine Augäpfel dieser Helligkeit aussetzen.

Das Geräusch des Boxers, vor dem ich in unbequemer Haltung auf der Rückbank geschlafen hatte, vermischte sich mit den jaulenden Dopplergeräuschen entgegenkommender Fahrzeuge, was mir ins Gedächtnis rief, dass ich irgendwo zwischen Köln und Frankfurt auf der Autobahn unterwegs war.

Einen Moment lang fragte ich mich, ob meine Chauffeure mich für unhöflich hielten, weil ich fast die ganze Fahrt auf dem Rücksitz verpennt hatte. Was aber kann man tun, wenn man so todmüde ist, wie Paul Bäumer, den ich kürzlich kennengelernt hatte, und seine pickelhäubigen Kriegskameraden, die 14/18 sogar mitten im Dreck, mitten im Stahlgewitter, mitten im Sturmangriff eingeschlafen sind? Das freundliche Paar, das mich an der Raststätte bei Köln mitgenommen hatte, fühlte sich durch mein Schlafen, so mutmasste ich, bestimmt nicht beleidigt.

Ich selbst fühlte mich trotz der gut zweistündigen Erholung noch immer furchtbar müde und wie gerädert. Indem ich mit geschlossenen Augen auf dem Rücksitz döste, versuchte ich Geist und Körper noch ein wenig Ruhe zu schenken.

Mit der Zeit spürte ich wieder die mächtig rumorende Wut in meinem Bauch, die sich ganz und gar nicht in Rauch aufgelöst hatte.

Schäumend vor Wut sah ich mich an dieser stark befahrenen Strasse am westlichen Stadtrand von Inverness, nicht weit vom weltberühmten Loch Ness hocken. Über Tage war mein Groll ins Unerträgliche angewachsen.

Zuerst war da nach der ersten Übernachtung auf einer Wiese bei Heidelberg diese schwachsinnige Entscheidung gewesen, durch den Pott zu trampen. Ich hatte mir vorgestellt, durchs Rheintal zu reisen und hatte davor gewarnt, diese Route durchs Ruhrgebiet zu nehmen, nur weil wir jetzt einen LKW Richtung Frankfurt hatten. Im Ruhrstadtmoloch würde es keine Raststätten geben, an denen wir bequem aussteigen und weiter trampen konnten. Nicht mal normale Aus- und Auffahrten würde es da geben. Nichts als die Feinde aller Tramper, die elenden Autobahnkreuze würden wir vorfinden. Auf denen war Autos-Anhalten nicht nur gefährlich sondern auch verboten. Meine Warnung war überhört worden. Irgendwie waren wir dann doch an Dortmund, Bochum, Essen vorbei bis nach Duisburg gekommen. Wir wollten nicht nach Duisburg, aber unser LKW Fahrer hatte versichert, im Hafen würden immer Lastwagen stehen, die über Venlo nach Amsterdam gingen. Anhalten durfte er auf der Autobahn sowieso nicht. Also war uns nichts übrig geblieben als bis zum Hafen mitzufahren. Was die auf uns wartenden LKW nach Amsterdam betraf, hatte ich so meine Zweifel.

Da es keinen Lastwagen nach Amsterdam gab, waren wir gezwungen gewesen, uns bei praller Nachmittagshitze durch den wie aus dem Erdkundeunterricht bekannt, größten Binnenhafen Europas zu Fuß und dann durch halb Duisburg mit seiner beißenden Luft zu irgendeiner Straßenbahnhaltestelle zu schleppen. Zum ersten Mal spürte ich am eigenen Leib, wie unangenehm das Atmen in dickem Smog ist. Der Himmel war nicht blau über der Ruhr.  Eingetaucht in übel riechende, heiße Luft mussten wir im Gedränge der Straßenbahn mit den riesigen Rucksäcken, dem Zelt und der Gitarre zum Hauptbahnhof, um dort am Fahrkartenschalter viel vom wenigen Geld hinzublättern, damit wir aus dem Ruhrmoloch schnell wieder raus kamen. Um Kohle zu sparen, hatten wir gerade mal für über die Grenze nach Holland gelöst. Das war Duisburg gewesen.

Bis Arnheim ging dann alles glatt. Django hat Fahrkarte, hatte ich grinsend vor mich hin gebrummt, als ich dem Schaffner mein Billet überreichte. Der hatte in die Pappe geknipst und war zufrieden weiter gegangen. Selbst mit den Grenzschützern gab es keinerlei Probleme. Die Holländer wollten lediglich sehen, wie viel Geld wir hatten. Sie waren's mit dem wenigen, das wir vorzeigen konnten, zufrieden.

Wir waren schon kurz vor Arnheim, als ich mich aufs Aussteigen vorbereiten wollte. Hube bewegte sich nicht. Er ließ die Augen geschlossen und zuckte mit keiner Miene.

Als ich ihn anstieß und fragend anschaute, maulte er theatralisch, ich solle ihn schlafen lassen, er sei müde. Ich wies ihn darauf hin, dass wir demnächst in Arnheim halten würden. Er fand es besser, bequem im Zug bis Amsterdam fahren und ausruhen zu können. Er begann sich, ob seiner Idee die königliche Eisenbahn der Niederlande auszutricksen in eine Art Rausch der Begeisterung zu reden. Falls der Schaffner überhaupt noch mal käme, würden wir uns einfach schlafend stellen, meinte er allen Ernstes. Wäre doch einfach scharf bis Amsterdam im Zug zu reisen, und ausgeschlafen und fit bei all den guten Leuten, die uns in Amsterdam erwarteten, anzukommen. Er kicherte laut los und schupste mich an der Schulter. Ich war auch von diesem Plan kein bißchen überzeugt, ging aber dem notwendigen Streit aus dem Weg und behielt meine Zweifel für mich. Es war auch schnell sinnlos sie auszusprechen, da wir nur kurz in Arnheim hielten, Hube keine Anstalten machte auszusteigen, ich den Koloss samt Gepäck nicht nach draußen tragen konnte und der Zug schon wieder Fahrt aufnahm, bevor ich mir ein einigermaßen vollständiges Bild unserer Situation gemacht hatte. Es war mir nichts eingefallen, als ebenfalls auf meinem Platz im Zug sitzen zu bleiben.

Das bisschen Zuversicht, das Hubes Zuversicht mir verschaffte, hielt keine zehn Minuten. Dann stellte sich ein mulmiges Gefühl ein. Der Schaffner würde bestimmt kommen. Auch ich stellte mich schlafend.

Ich war wahrhaftig ein wenig eingenickt, als ich ein störendes Tippen auf meiner Schulter spürte. Ich hörte Hubes Stimme und dazu Worte - nicht laut doch ganz nah an meinem Ohr - in einem mir von Lou van Burg her bekannten Akzent. Als ich hochschaute, grinste mich ein von blondem Flaum umrahmtes freundliches Gesicht mit daraus vorstehenden Zähnen und wasserblauen Glubschaugen an. Das mußte der Bruder der beliebten Frau Antje aus Holland sein. Mir war jedoch überhaupt nicht nach spaßigen Vergleichen zumute. Django hatte keine Fahrkarte. Zum Glück hatte Hube schon das Erklären des Unerklärlichen übernommen. Der Bahnbeamte seiner Majestät Königin Juliana hörte sich Hubertus Horchs Geschichte sehr teilnahmsvoll an, und nachdem er verstanden hatte, daß wir das Aussteigen in Arnheim verschlafen hatten, war er gleich bereit, uns eine Fahrkarte von Arnheim bis Utrecht - der nächsten Haltestation auszustellen. Und da er schon einmal dabei war, schlug er gleich vor, eine weitere Fahrkarte für die Rückfahrt von Utrecht nach Arnheim zu lösen. Wer hätte es gewagt, dem Vorschlag dieses Beamten zu widersprechen und stattdessen lieber gleich in die schon einmal eingeschlagene Richtung nach Amsterdam zu investieren? Wir jedenfalls nicht. Als unabwendbare Konsequenz zählten wir dem grinsenden Schaffner unser sauer erspartes Geld in die Hand und stiegen in Utrecht aus. Der gute Mann half uns beim Aussteigen sogar mit dem Gepäck.

Die teuer erkaufte Reise zurück nach Arnheim nahmen wir jedoch nicht in Anspruch. Stattdessen machten wir uns unverzüglich auf den beschwerlichen Fußweg vom Bahnhof an die Autobahn, die nach Amsterdam führte. Ein kilometerweiter Weg war das. Ich war furchtbar sauer auf Hube und der hüllte sich während des beschwerlichen Fußmarschs in düsteres Schweigen.

Nachdem ich meinen Ärger in einer Kneipe in Amsterdam auch mit ein paar schlapprigen Heineken nicht hinuntergespült bekam und nachdem Hube zu allem Überfluß wieder mal mit seinem pupertären Hang zu Drogen zu nerven begann, überkam es mich als wir im Vondelpark herumlagen darauf zu bestehen, den Tag hier in der Stadt allein für mich zu verbringen. Sein ätzendes Geschwärme von dem Meskalin, das er für seinen Freund Smokie zu besorgen vor hatte und das wir unbedingt selbst probieren müßten, hielt ich für besonders doof, weil wir gar kein Geld hatten, inspirierende Kakteenextrakte überhaupt und schon gar für Dritte zu besorgen. Der sogleich heftigst Beleidigte schlug sofort vor, daß wir uns dann doch gleich erst wieder in Ostende vor Abfahrt der Fähre nach Dover treffen könnten. Das war mir dann auch recht gewesen.

Die Nacht des Wiedersehens in Ostende wurde ein freudiges Fest.

Gleich nach Amsterdam hatte mich ein bebrillter Citroen Fahrer in den Dreißigern mitgenommen, der nach wenigen Kilometern Fahrt begann an meinem Knie herumzuspielen. Nach dem ich meine Schockstarre überwunden hatte und unbeholfen gestammelt hatte „I don’t like that“, hatte er augenblicklich seine Hand zurückgezogenen und mich unverzüglich an einer fürs Trampen ganz und gar unmöglichen Stelle höflich aber bestimmt aus seinem Auto gewiesen. Ich musste am Rande der Autobahn entlang marschieren und hatte Glück, dass mich einer mitnahm, bevor die Polizei kam.

Ein ganz übertrieben deutschland- und ordnungsliebender flämischer Kriminalpolizist aus Ostende hatte mich schließlich nördlich von Brüssel aufgegabelt und direkt bis an den Fährhafen gebracht. Dort am trostlosen Kai mußte ich ein paar langweilige Stunden auf den Anblick des im XXL US Parka heranschlurfenden Hube mit Rucksack und dem Gitarrenkoffer am langen Arm warten. Die Wiedersehensfreude war ehrlich. Wir klopften uns auf die Schultern, besorgten ein paar Bierdosen und gaben ein Open-Air-Konzert vor zwanzig bis dreißig begeisterten Freaks, denen wir die Wartezeit verkürzten. Jemand brachte uns Freibier und schließlich drehte einer eine baumstammdicke Tüte. Mit Hube stimmte ich ‚Don’t Bogard that Joint my Friend“ an und sie ließen ihn natürlich kreisen. Der Abend und die Überfahrt war eine tolle Fete. Früh morgens in Dover überkamen uns derart ‚the munchies’, daß wir einer englischen Familie die Milch von der Türschwelle klauten.

Der berühmte Boat Train brachte uns nach London. Vom Victoria Station trieb es uns sofort zum Trafalgar Square, wo wir für unsere Straßenmusik ein paar vor nicht allzu langer Zeit abgeschaffte doch glücklicherweise noch gültige Schillingmünzen zugeworfen bekamen. Der Beifall der umstehenden Zuhörer war eine Genugtuung für mich, denn Hube hatte sich immer abfällig geäußert, wenn ich zwischen den Strophen unserer Lieder mit der Flöte improvisierte. Ich fand meine Tin Whistle klasse, weil sie gut klang und klein und handlich war. Hube drängte mich - wenn überhaupt etwas - dann Blues Harp zu spielen. Die war zwar auch klein und handlich aber das Spielen gelang mir nicht sonderlich gut. Mundharmonika lag mir einfach nicht. Für bluesige Songs war die irische Metallflöte wirklich nicht gut geeignet, aber das gab ich schon aus Trotz nicht zu und nur daneben stehen mit nichts in der Hand wie Art Garfunkel, wollte ich nicht, das konnte ich nicht. Wenn Hube auch eine begnadete Bluesstimme hatte und mit viel Feeling Gitarre spielte, gab es keinen Grund mich runter zu machen. ‚Jethro Tull’ und sogar Blueser wie ‚Canned Heat‘ setzten die Flöte ein. Außerdem trug ich auch sonst mein Scherflein zum Erfolg bei. Der Gesang war zweistimmig, jedenfalls bisweilen. Mit der Flöte füllte ich die Gesangspausen und nicht unerheblich war, daß ich die Liedtexte auswendig konnte. Jedenfalls besser als er. Ich konnte sämtliche Strophen von „The Boxer“, „Don’t Think Twice“, „Streets of London“, „Peace Train“, „Coming Into Los Angeles“ und von noch ein paar anderen Songs. Er hingegen kannte meist nur die ersten paar Zeilen der ersten Strophe seiner in Claptonmanier gespielten Bluesstücke von Robert Johnson: „Come on in My Kitchen“, „Have You Ever Loved a Woman“, „I Got Rambling“, oder „Sweet Home Chicago“.

Wieder im Victoria Station – wir wollten mit dem Zug nach Norden, was aber von hier aus gar nicht ging - klang mir die Melodie von Ralph McTell's ‚Streets of London’ im Ohr während wir schockiert beobachten mußten, wie eine völlig verdreckte, betrunkene Frau von zwei Polizisten aus einem Cafe gezerrt wurde, nachdem sie sich vorher vehement der Aufforderung des Personals widersetzt hatte, ihren Drahtkorbstuhl zu verlassen und dabei wohl vor Aufregung begann sich in die Hosen zu machen, so daß ein gewaltiger Wasserfall in die Lache unter ihr am Boden plätscherte. Mir fiel beinahe der Brocken Sandwich, den ich gerade kaute aus dem Gebiss. „Have you seen the old girl who walks the streets of London, dirt in her hair and her clothes in rags?“ So war das in London.

Nach unserem grandiosen Strassenmusikerhöhepunkt am Trafalger Square jagte dann auch auf der Insel eine schwachsinnige Entscheidung die andere und Hube setzte eine jede rigoros durch.

Nachdem wir am Bahnhof in den falschen Bus gestiegen waren, und nachdem wir deswegen wieder kilometerweit marschieren mußten, um aus dem Konglomerat raus zu kommen, und nachdem er mich zwei Tage später irgendwo im Nordosten Englands in der Nähe von Newcastle trotz einer Erkältung, die ich mir nach einem Wolkenbruch auf der M1 eingefangen hatte, gnadenlos weitergetrieben hatte, weil er unbedingt am Meer campieren wollte, war die Stimmung absolut unerträglich geworden und irgendwie irreparabel zerstört. Ich hatte an diesem Abend in einem Wäldchen unweit von der Küste halt machen müssen und begonnen das Zelt aufzubauen, weil ich fühlte, daß ich Fieber hatte und mein Körper frierte und schlafen wollte. Er war mal wieder eingeschnappt einfach weiter gegangen.

Dann, an Hube vorbei blickend, ward ich durch Nebelschwaden hindurch in Richtung eines Sees, der Loch Ness sein konnte, einer merkwürdigen Erscheinung gewahr. Es war ein schwimmendes Etwas, ein Wesen, das sich uns mit delphinartigen Schwimmbewegungen näherte. Ich nahm im ersten Augenblick an, es müsse die weltberühmte Nessie sein. Die Erscheinung war aber kein Seeungeheuer. Sie erinnerte eher an Undine oder eine liebliche Gestalt aus Andersens Märchen. Sie tauchte trotz der Entfernung deutlich erkennbar immer wieder aus dem See auf und schwamm in kraftvollen, eleganten Bewegungen direkt auf mich zu.

Es wurde mir nicht ersichtlich, ob die Gestalt zuletzt in ufernähe bis zum Bauch im Wasser auf dem Boden stand, oder ob sie – was ich für die schönere Vorstellung hielt - ihren Oberkörper bis zu den Hüften über dem Seespiegel haltend im Wasser schwebte. Ihre Haut – das war sicher - war weiß, ihre langen Haare schwarz wie Ebenholz. Nur unzureichend bedeckten sie ihren schneeweissen Busen. Ihr Mund - so rot wie Blut - und ihre großen blauen Augen lächelten mir zu und ganz deutlich war zu sehen, wie sie den rechten Arm hob und mir zuwinkte. Es sah aus, als ob sie mich zu sich her winken wollte. Als ich mich ganz weit vorbeugte, begann das Wasserwesen mit mir zu reden. Es war so als ob sie, ohne wirklich einen Ton von sich zu geben, mit mir sprach und mich wissen ließ, daß ich mein Glück nicht hier im Norden suchen sollte. Nicht der Rhein führe zu meiner Bestimmung, ich solle wie einst Burgunder und meine Vorfahren die Doanauschwaben dem Fluss nach Osten und Süden bis ans Schwarze Meer, ins Land wo unsere Väter herkommen, folgen. Das sagte sie.

Wer bist du, rief ich ihr zu.

Man nennt mich die Schöne Lau, hörte ich sie lachend rufen, als ein häßlich kreischender Reisverschluß hochgezogen wurde. Spät in der Nacht kam Hube vor sich hinschimpfend ins Zelt gekrochen. Es hatte wieder zu regnen begonnen.

Toll war die Zeit in Edinburgh. Als wir in der herrlichen Atmosphäre des Fringe versanken, ohne daß wir vorher gewußt hätten, was das überhaupt ist. Unser Auftritt bei strahlendem Sonnenschein im Park in der Nähe des Schlosses und die Abende im Pub, die whiskyseligen Unterhaltungen mit leibhaftigen, kaum verstehbaren Schotten liessen mich an Versöhnung und eine glückliche Reise glauben, auch wenn Schottland von Anfang an nur ein Ersatz für das unerreichbare Irland gewesen war.

Endlich waren wir in den ersehnten Highlands, wo mich wenn schon nicht der irische doch wenigstens der schottische Freiheitsgeist berauschen sollte. Aber nun war es nahe Inverness zum Eklat gekommen. Es war nicht mehr zum aushalten und nun standen wir, zwei abgerissene, ungewaschene Typen mit langen fettigen Haaren in verdreckten Jeans vor grandioser Landschaftskulisse neben einer Straße, die von Inverness nach Südwesten zum Loch Ness führte und brüllten uns an. Einige Meilen vor uns wartete das berühmte Ungeheuer und direkt hier auf der Strasse wand sich eine endlose Schlange spießiger Urlauberfamilien mit Caravans, die kein Herz für versiffte Tramper hatten. Darüber was nun - da wir schon Stunden an dieser Stelle genervt und müde standen - zu tun sei, war es zum Streit gekommen und wieder einmal war Hube im Begriff, seinen Willen durchzusetzen. Ich war nicht bereit erneut klein beizugeben. -

Eigentlich hatten wir uns zunächst nur wieder mal über die Flöte als Musikinstrument und dann die Frage in die Haare gekriegt, ob das Bourré von Jethro Tull als fortschrittliche Musik bezeichnet werden konnte. Das energisch zu bestreiten hatte Hube tatsächlich die Stirn gehabt. Es war mir klar, daß er weniger gegen mich als gegen seinen seltsamen Musiklehrer und die sogenannte klassische Musik stritt. Aber es half nichts. Wir stritten heftig aber nur kurz, weil ich plötzlich völlig perplex bemerkte, daß ich genau auf die Seenlandschaft blickte, in der ich jüngst das nackte Frauenwesen im Wasser gesehen hatte. Genau hier habe ich die nackte Seejungfer gesehen. Ich erschrak selbst über das, was ich da vernehmlich dahergesagt hatte.

Hube reagierte wie aus der Pistole geschossen. Nackte Frau, wo?

Dort. Ich zeigte mit dem Finger in die Richtung auf den See.

Ich seh’ nichts.

Ich selbst sah die Gestalt auch nicht. Aber ich blickte auf die gleiche Stelle, die ich gesehen hatte. Das wußte ich genau. Von dort aus hatte sie mir zugewinkt. Ich hatte das Bild ganz deutlich vor Augen. Ganz deutlich berührte mich wieder ihr weises Lächeln. Mit aller Macht zog es mich hinunter zum See.

Hube wollte nicht weg von der Straße. Er wollte weiter nach Westen trampen. Der Streit darüber war kaum aufgeflammt, da ließ er mir ultimativ keine Wahl. Würde ich runter zum See gehen, würde er allein weiter trampen.

Dann solle er halt abhauen, hatte ich ihn völlig entnervt angeschrieen. Darauf schulterte er nur wutentbrannt seinen Rucksack, griff sich den Gitarrenkoffer und drehte mir den Rücken zu. Mit ein paar energischen Schritten war er samt Marschgepäck und Klampfe um eine Hausecke verschwunden. Als er weg war, trat ich vor Wut gegen eine massive schottische Backsteinwand. Der Fuß schmerzte und mein Zorn wurde dadurch nicht gelindert. Er wuchs noch ein, zwei Minuten kräftig an. Dann machte er einer unbestimmten Angst Platz, die sich in ein beißendes Panikgefühl verstärkte, das einen dumpfen Brechreiz verursachte.

Ich versuchte mir die Situation in der ich mich nun befand vor Augen zu führen. Die Zeiten des amerikanischen Friede-Freude Eierkuchen waren vorbei. Im Jugendzentrum und im Leben gab es nur zwei verschiedene Menschen. Nicht Cowboy und Indianer, wie Uli Keuler einst gewitzelt hatte, sondern es gab die Menschen die, Blues und bluesartige Musik verehrten und die, die gescheit genug waren, den progressiven Rock zu verstehen und zu lieben. Es gab die Fans von Blues Boy B.B.King, Slowfinger Claptons ‚The Cream’, auch von den schon etwas altbacken daherrockenden Credence Clearwater Revival’, den wilden Led Zepelin, Ten Years After, The Yardbirds John Mayall und so weiter und so weiter. Und dann gab es eben die, die die wahre fortschrittliche Musik erkannten. Die stammte von Sythesizergott Emerson samt Lake & Palmer, von Kreativgenie Peter Gabriel mit seinen Genesis, den unbeschreiblichen Gentle Giant, dem Klangzauberer Fripp mit King Crimson, natürlich von Pink Floyd, und über Allem schwebte und thronten die göttlichen ‚Yes’ mit Jon Anderson, Steve Howe und den anderen. Es gab natürlich auch jede Menge Bands, die irgendwo dazwischen lagen. Die Stones gehörten eher zur ersten, die Beatles vielleicht zur zweiten Kategorie. Die Gitarrengötter Jimmy Hendrix und Carlos Sanatan schwammen wirklich irgendwo in einer Strömung dazwischen - Scheißegal - Hube gehörte jedenfalls zur ersten und ich zur zweiten Gruppe der Menschheit, obwohl ich als politsich interessierter mit Brechtliedern, Biermann und Liedermachern- insbesondere auch Irish Folk auch etwas neben und vor allem über den Dingen stand. Hube verabscheute ‚meine‘ Musik und ließ keine Gelegenheit aus, abfällige Bemerkungen los zu lassen. Was also, fragte ich mich nun, hatten wir beide eigentlich miteinander zu schaffen? Wie hatte es dazu kommen können, daß zwei so dermaßen unterschiedliche Menschen gemeinsam eine Reise durch England in den schottischen Nordwesten der Insel - aus Geldgründen nicht Irland – angetreten hatten?

Die gemeinsame Passion für Gundi mag eine große Rolle gespielt haben. Wir besuchten sie fast täglich nach der Schule, sassen auf ihrem Bett und spielten ihr unseren neuesten Lieder vor, teils auf der Gitarre teils vom Plattenspieler. Da sie uns beide gleichermassen nur als Freunde betrachtete, hatten wir ein Leid zu teilen und waren trotz antagonistischer* Gegensätze so was wie Kumpels geworden. Ich erzählte ihm, dass ich in den Ferien nach Irland wollte. Er sagte sofort er komme mit. Das hätte ich nicht erwartet, denn er liebte die irische Musik nicht und wusste auch nichts von Bölls Tagebuch, oder der Geschichte und Literatur des Landes. Ich erzählte ihm, dass ich nach dem weltberühmten Clonmacnoise an den Fluss Shannon wollte, wo in der Nähe auch das Inselchen ‚Swim-Two-Birds‘ sein musste. Das interessierte ihn nicht besonders und als ich den Plan änderte, weil die beiden Fähren nach England und Irland einfach zu teuer waren störte ihn das nicht im Mindesten. Aus naheliegenden Gründen bestand er auf den Abstecher nach Amsterdam und freute sich auf schottischen Whisky also ob es keinen irischen gäbe.

Zuletzt kurz vor unserem Aufbruch hatte ich Herrn Horch, seinem Vater versprechen müssen, die geplante und wegen Geldmangel stets gefährdete Reise mit seinem Sohn nicht abzublasen und dann auch noch das: Acht auf ihn zu geben! Der war in Panik, seit sein Ältester ein paar Wochen vorher abends zuhaus an der Tür geklingelt hatte, um dann der Mutter seine bluttriefenden Arme theatralisch vors Gesicht zu halten. Hatte sich dieser Idiot doch vor Liebeskummer, oder was er dafür hielt, wegen einer kleinen sommersprossigen Rothaarigen aus seinem Dorf, die ihm den Laufpass gegeben hatte, mit einem Taschenmesser die Pulsadern aufgeschnitten. Er war aber aus Ungeschicklichkeit nur äußerst leicht verletzt und hatte nur wenig geblutet. Er wußte wohl nicht, daß man längs schneidet, wenn man es ernst meint. Irgendwie typisch. Alles ging bei ihm schief. Ich konnte mir das lächerliche Bild vorstellen, wie er da gestanden haben muß, die Arme hochhaltend und seine Mutter anklagend angrinste. Keiner versteht mich. Todunglücklich. Und bisweilen auch himmelhochjauchzend. Ganz der Blues eben. Die Welt war ein Porzellanladen und er der Elefant, der ab und zu seinen Rüssel in einen fleischigen Negermund verwandeln und den Blues singen konnte, damit allen die ihn hörten eine Gänsehaut wuchs, und damit alle, die unter ihm litten, alles ihm verzeihen mochten.

Ja, maulte ich vor mich hin, das wohlsituierte Ehepaar Horch macht sich Sorgen um ihren Sprößling. Wenn die scheißkapitalistische Karriere über Alles geht, dann hat man natürlich keine Zeit für den außer Kontrolle geratenden Nachwuchs. Und der gerät dann eben außer Kontrolle. Der alte Horch hatte mir sogar finanzielle Hilfe angeboten, falls die Reise daran scheitern sollte. Das hatte ich stolz abgelehnt, obwohl ich das Geld hätte gut gebrauchen können. Nun sollte also ich auf das Problemkind, das aus purer Verweigerungshaltung gerade eben die mittlere Reife vergeigt hatte, aufpassen. Ausgerechnet ich, welch ein Schwachsinn!

Ich schaute zum See. Der Trost durch eine Seejungfrau blieb mir jetzt natürlichversagt.

Es dauerte noch ein paar Minuten Unschlüssigkeit und ich schulterte meinen Rucksack, da ich beschlossen hatte, dem zotteligen Idioten nachzugehen. Ich beeilte mich und bog um die Ecke, wo wir uns getrennt hatten. Ich hatte gehofft, er würde da in seinem verschwitzten T-Shirt mit dem blasphemischen ‘Clapton is God’- Aufdruck auf mich wartend sitzen und mich mit einem verlegenen Grinsen begrüßen. Er war aber weder in der Nähe noch in der Ferne zu sehen.

Nun schlurfte ich einige Minuten die lange Straße in Richtung Inverness, dann besann ich mich, machte kehrt und beschloß an der Stelle, an der wir uns getrennt hatten zu warten. Er würde schon wieder auftauchen.

Und so wartete ich auf meinem grünen Seesack sitzend. Ich schwöre es, ich wartete mehr als zwei Stunden. Immer mehr begann mich pure Verzweiflung zu würgen. Der Tag ging zur Neige. Die Sonne stand tief über den berühmten Highlands und ich hockte und wartete. Mir war als fingen die Leute an zu glotzen und zu reden, da ich stundenlang nur so am Straßenrand rumsaß.

Mehr und mehr fing nur noch ein Gedanke an, mich zu beherrschen. Ich wollte heim! Wenn ich ihn schon nicht finden konnte, - dann wollte ich heim. Wo sollte ich ihn hier auch suchen? Nichts wie nach Hause. Wie sollte ich diese Tramptour unbekümmert fortsetzen, wenn er verschwunden blieb? Es blieb in meinem Kopf nur diese eine Möglichkeit - so schnell wie möglich nach Hause. Der Entschluß war schließlich felsenfest, und ich lief abrupt über die Strasse und suchte mir eine günstig erscheinende Stelle und begann in die Richtung zu trampen, aus der wir kurz zuvor aufgetaucht waren.

Es war fast ein Wunder. Mit nur drei Autos kam ich bis Edinburgh. Zuerst saß ich neben einem dürren Mann von circa fünfzig Jahren, der in schottischer Tracht umherfuhr. Ich hatte Männer im Rock bis dahin nur im Fernsehen gesehen. Sein etwa vierzehnjähriger Sohn trug ebenfalls den Kilt. Als ich Einsteigen durfte, hatte der Junge auf den Rücksitz weichen müssen. Der karierte Rock meines Fahrers neigte dazu, durch die Bewegungen beim Kuppeln und Bremsen über sein Knie nach oben zu rutschen. Der Anblick machte mich ziemlich verlegen und doch mußte ich immer wieder hinschauen und mir ein Grinsen verkneifen, während ich mich fragte, ob der schmierige Holländer auch nach diesem dürren Schafsbein gegriffen hätte. Ich jedenfalls war froh als ich mich nach ungefähr einer Stunde dem Anblick dieses knochigen Knies entziehen konnte.

Vom zweiten Fahrer ist mir nichts in Erinnerung, als dass er einmal mitten auf der Strecke anhielt, um mir einen Berg zu zeigen, der nachdem ich ihn endlich zwischen all den Bergen ausgemacht hatte, in der Tat aussah wie Bismarck mit Pickelhaube. Ich zeigte mich erstaunt und der Fahrer war erfreut einem jungen Deutschen seinen Bismarck gezeigt zu haben, aber ich hatte kaum ein Auge für die grandios bestückte Landschaft nördlich von Edinburgh samt eisernem Kanzler.

Zuletzt nahm mich ein Polizistenpaar in Uniform die sehr lange Reststrecke bis Edinburgh mit. Vor allem die Frau unterhielt sich während der Fahrt sehr freundlich mit mir, schien auch ob meines Alters ein wenig besorgt. Sie bestand geradezu darauf, mich bis zum Bahnhof der schottischen Hauptstadt zu chauffieren, weil ich erzählt hatte, ich müßte dringend nach Hause und würde den Rest mit dem Zug fahren.

Eigentlich hatte ich gar kein Geld für eine Zugfahrt, aber es war schon nacht geworden als wir in Edinburgh ankamen. Allein weitertrampen in der Nacht hätte ich nicht gewagt. Das Zelt hatte Hube. Ich hätte im freien übernachten müssen. Der Gedanke gefiel mir, in der Nacht mit dem Zug vorwärts zu kommen und vielleicht zu schlafen. Es gab tatsächlich einen Spätzug nach London. Die Fahrkarte kostete mich fast all mein verbliebenes Geld.

Ich erwischte diesen letzten Zug gerade noch und konnte sogar unbehelligt von irgendwelchen grinsenden Schaffnern in einem leeren Erste-Klasse-Abteil die ganze Fahrt über bequem liegen, dösen und ein paar Stunden auch schlafen. Immer wieder aber kam in mir die beisende Sorge auf, Hube würde irgendeinen Blödsinn machen oder schon gemacht haben. Er war ein furchtbar schwieriger Typ und ich wußte, daß er völlig ausrasten konnte, wenn ihm die Dinge gegen den Strich liefen.

Ich hätte nicht gedacht, London so schnell wieder zu sehen. Irgendwie kam ich von Kings Cross zum Victoria Station und in den Fährzug nach Dover. Die Rückfahrkarte für die Fähre nach Ostende hatte ich glücklicherweise schon. Gut war auch, daß der Zug nach Dover im Fährpreis eingeschlossen war.

Auf der Fähre hatten mich alsbald netterweise ein paar Engländer zum Bier und ein paar Zügen an ihrem Joint eingeladen, nachdem ich ihnen irgendeinen Song auf ihrer Gitarre vorgespielt und dann beigebracht hatte. Als wir richtig breit waren, sind wir eine halbe Ewigkeit auf dem Klo rumgelegen und haben uns über irgendwelche Sprüche beinahe tot gelacht.

Kurz vor dem Anlegen war ich dann auf einer Bank ein wenig eingenickt. Ich hätte beinahe das Von-Bord-gehen verschlafen. Eine dralle Rothaarige aus Köln, die zuvor beim Biertrinken schon neben mir gesessen war, als ich mir die Gitarre des anderen Typen ausgeliehen hatte und ein paar Simon&Garfunkel Songs zum besten gab, weckte mich und ich trottete mit ihr von Bord. Ich bedauerte mich, weil ich nun zu allem Unglück auch noch einen mächtigen Kater hatte. Wir hatten die Fähre schon verlassen, als mich die Kölnerin erstaunt fragte, ob ich denn gar kein Gepäck mitgehabt hätte. Jäh blieb ich einen Sekundenbruchteil stehen und raste dann zur Fähre zurück. Völlig außer Puste kam ich zum Laufsteg, wo mir ein unrasierter Matrose, der aussah als stamme er aus einem berühmten Jacques Brel Chanson, mit meinem Rucksack entgegen kam. Ich zeigte auf das Teil in seinen Armen und dankte. Während er ein paar unverständliche Worte erwiderte, haute er mir das schwere olivgrüne Bundeswehrding vor die Brust, und ich ging ein zweites Mal von Bord.

Die Rote hatte auf mich gewartet. Sie war alles andere als attraktiv. Auch erwies sie sich auf der Weiterreise als furchtbar nervend, weil sie ununterbrochen in ihrem kölschen Dialekt auf mich einlaberte, so daß ich glaubte, ich erlebte einen Albtraum in dem Willy Millowitsch Regie geführt hatte. Ich wollte meine Ruhe haben und meinen sehr schweren Gedanken nachgehen, war ziemlich erledigt, hatte kaum geschlafen und hatte meine Sorgen, die ich mit ihr nicht teilen wollte.

Wir kamen zusammen nur ungefähr hundert Kilometer weiter und ich gab insgeheim ihr die Schuld. Das war sicher ungerecht. Auf dieser belgischen Raststätte wollte sie nun etwas zu Essen holen. Ich gab vor keinen Hunger zu haben. In Wirklichkeit hatte ich kein Geld. Stillheimlich hegte ich nun die Hoffnung weiterzukommen, während sie etwas zu Essen kaufte. Ich log sogar, indem ich versprach, ich würde auf sie warten.

Kaum war sie weg, gelang es mir tatsächlich im Handumdrehen einen ziemlich vollbesetzten Kleinwagen anzuhalten. Es stellte sich heraus, daß die Typen Rockmusiker waren, die nach Köln in irgendein Tonstudio wollten. Ich erzählte, daß ich auch Rockmusiker sei und wir fachsimpelten ein wenig. Sie standen auf Kraan und solche jazzigen Sachen, von denen ich kaum Ahnung hatte. Auf einer Raststätte vor Köln wurde ich rausgelassen und versuchte weiter in Richtung Süden zu kommen. Ich mußte nicht lange suchen und ein junges Paar war gefunden, daß bereit war, mich bis Frankfurt mitzunehmen.

Als ich aus dem relativen Dunkel des Autos aussteige, erscheint mir das grelle Licht draußen heller als tausend Sonnen. Sie ist jedoch wie immer allein, und grinst nur heute recht aggressiv von Westen auf den Rastplatz. Die Luft ist staubig und hat einen giftigen Beigeschmack von Abgasen und Gummiabrieb. Ich setze mich vor einen hellgrünen Dornbusch und beobachte die Szene. Vor dem Beschleunigungsstreifen hockt schon ein gutes Dutzend Tramper im staubigen Gras am Fahrbahnrand und bittet um eine Mitfahrmöglichkeit. Sinnlos hier jetzt den Daumen in den Wind zu halten, sage ich mir. Erst sind die anderen dran. Nach einer Stunde oder mehr werde ich mißmutig, denn die Anhalterei geht nur schlecht voran. Bewegung sehe ich nur, wenn ich die kleinen Insekten beobachte, die im Schweiß meiner Unterarme ersaufen und ein feines widerliches Kitzeln verursachen. Ich will endlich nach Hause.

Mich bedrückt ungeduldige Langweile bis ein paar Meter vor mir eine rote Ente mit geöffnetem Verdeck anhält, der ein Mädchen mit einem kleinen Stoffkoffer entsteigt. Sie wirft die Tür zu, die zwei Pferde brausen auf und reiten von dannen. Zuerst muß ich über das glückliche Haschischlächeln des davonfahrenden hageren Fahrers mit seinen langen wehenden Haaren grinsen, dann jedoch zieht das Mädchen all meine Aufmerksamkeit auf sich.

Mir fällt ihr bemerkenswert sanfter Gang auf. Es ist als schwebte sie in ihren kleinen Jesussandalen aus dunkelbraunen Lederstreifen auf mich zu. Sie trägt ein langes wehendes Kleid aus buntem leichtem Stoff. Ihre kleine Tasche hängt ihr locker an der Schulter. Welch zartes Wesen! Sie wirkt sehr erschöpft und ich bemerke dunkle Ringe unter ihren Augen. Ihr schulterlanges, beinahe schwarzes Haar ist ein bißchen wild und strähnig. Dabei ist sie nicht eigentlich ein dunkler Typ. Sie hat eine sehr zarte, auffallend helle Haut.

Als sie so traurig, gequält und leidend, wie eine Heilige auf dem Weg zum Martyrium auf mich zukommt, kann ich meine Augen nicht von ihr nehmen. Würde nicht jeder zum christlichen oder heidnischen St. Michael, zum Drachentöter, würde nicht jeder sein Heil und Leben riskieren, um das Ungeheuer aufzuspüren und zu erwürgen, das dieses Prinzessinenwesen so traurig, so erschöpft und mutlos machte?

Ganz behutsam läßt sie sich unweit von mir ins Gras sinken. Während sie nun in meiner Nähe sitzt, muß ich immer wieder ihr Gesicht betrachten und ein paar Mal treffen sich unsere Blicke. Schnell schaue ich weg.

Da lächelt sie mich sanft, ganz zärtlich und ungeheuer direkt an, steht auf und setzt sich direkt neben mich. Mir verschlägt es beinahe den Atem! Sie fragt mich, ob ich etwas zu essen habe. Ich bin ganz erleichtert, daß sie mich nur nach etwas zu Essen fragt. Zuerst schüttle ich den Kopf. Etwas habe ich. Meine letzte Habe, eine halbgeschmolzene Tafel Schokolade, die ich kurz zuvor aus einem Automaten rausgelassen habe, teile ich mit ihr und wir lecken uns nach dem süßen Mahl zusammen mit der Schokolade den Dreck von den verklebten Fingern.

Es ist schon einiges nach acht als nur noch ich und meine kleine Leidensgenossin am Autobahnrand übrig geblieben sind.

Seit dem gemeinsamen Abendessen gehören wir zusammen, ganz selbstverständlich. Wir reden kaum, hocken am Straßenrand, und wenn ein Auto vorbeifährt, halten wir den Daumen in den Wind. Ich genieße es so einfach und ohne Worte zu ihr zu gehören.

Das wird heute nichts mehr, denke ich mir, während ich ihren kleinen gestreckten Daumen im Winde an ihrer feinen Hand wie ein wundervoll gefertigtes Kleinod studiere.

Was machen wir, wenn keiner hält? Willst Du’s die ganze Nacht versuchen?

Wieder ist ein Auto vorbeigerauscht.

Nö, nicht mehr lange. Man kann ein bißchen von der Autobahn weggehen. Man muß eine gute Stelle finden, geschützt und trocken, Schlafsack ausrollen. Hast noch nie im Freien geschlafen?

Ich tue ganz überlegen. Mir ist klar, daß sie ebenso wenig Geld für ein Hotel oder so was in der Art hat wie ich. Nein, in ein Hotel wollen wir auch gar nicht. Das wäre spießig und käme niemals in Betracht. Erst jetzt bemerke ich, daß sie nicht mal einen Schlafsack bei sich hat.

Ich habe nicht mal einen Schlafsack dabei.

Sie bemerkt meinen etwas vorwurfsvollen Geschichtsausdruck.

Ich habe gedacht, ich schaffe das problemlos an einem Tag bis Stuttgart.

Von wo kommst Du denn?

Hannover.

Und wann bist du losgetrampt?

Heut' morgen um sieben bin ich von zu Hause los.

Na ja, das wäre schon zu schaffen gewesen. Ist wohl nicht gut gelaufen. Kein guter Tag.

Während der Stille, die nun entsteht, überlege ich, wie dreckig ich wohl sein muß. Vielleicht könnte man sich auf dem Klo der Raststätte waschen.

Und was willst du in Stuttgart machen?

Ich komme aus Stuttgart. Ich will meine beste Freundin besuchen. Meine bescheuerten Eltern sind letztes Jahr nach Hannover gezogen.

Ich nicke verständnisvoll. Eltern machen einfach was sie wollen, ohne Rücksicht auf Verluste.

Es ist ja nicht kalt. Nach Mitternacht kann’s allerdings schon frisch und bischen ungemütlich werden. Wir müssen schauen, daß wir trockenen und weichen Untergrund finden. Laub oder Heu, dann können wir meinen Schlafsack ausbreiten und uns beide zudecken. Das wird schon gehen.

Wir schweigen eine ganze Weile. Jeder geht seinen eigenen Gedanken nach. Meine drehen sich um die bevorstehende Nacht. Ich schaue mir das Mädchen mit verstohlenen Blicken ganz genau an, indem ich meine meine Hände auf die Knie, und meinen Kopf in die Hände lege, um dann zwischen den Fingern hindurch zu linsen. So sieht es aus als würde ich schlafen oder nachdenken, und sie kann nicht bemerken, daß ich sie studiere. Sie ist rundweg wunderschön. Ihr edler, stolzer doch irgendwie auch ängstlich wirkenden Blick, erinnert mich wieder an eine gefangene, in ein fernes Schloß verschleppte Prinzessin. Gekleidet ist sie ganz und gar hippiemässig, alles irgendwie auf indisch oder orientalisch. Ein buntes Kleid, das aussieht wie Seide hat sie an. Es geht ihr fast bis an die Knöchel. Ich bemerke ein silbernes Kettchen an ihrem Fuß. Ein Hauch von Patschouli umweht ihren Körper. Ich frage mich, ob sie mein Typ sein kann. Ich, der grobe Freak, lange oft zu fettige Haare, Amiparka, Jeans und Springerstiefeln und da diese Grazie, die an Indien, Buddha, Herrmann Hesse an all so was erinnert, das mir ziemlich suspekt ist. Nichtsdestotrotz ist mir als rühre ihre Aura direkt an meiner Seele. Ist es nur, weil sie Sorgen hat und behütet werden muß? Sie schaut wirklich ziemlich elend aus. Ich habe den Eindruck, es bedrückt sie etwas sehr Schwerwiegendes. Und jung sieht sie aus. Ob sie überhaupt schon sechzehn ist? Vielleicht grade sechzehn. Das und ihre ganze Geschichte wird sie mir heute Nacht erzählen, und ich werde ihr zuhören. Vielleicht kann ich ihr sogar helfen. Sie braucht Hilfe und ich bin da und vielleicht ist das das Schicksal. Wenn es so sein soll, dann gut. -

Der Gedanke, die Nacht mit ihr zu verbringen, macht mich zuletzt wahnsinnig aufgeregt. Mein Herz beginnt zu klopfen und ich versuche nicht daran zu denken. Am liebsten würde ich gleich mit ihr weggehen. Aber ihr das vorzuschlagen, bin ich nicht Rock’n’Roller genug.

Wir probieren es noch zehn Minuten. OK?

OK.

Sie schmiegt ganz plötzlich doch sanft ihren Kopf an meine Schulter und schließt die Augen. Sie fröstelt ein wenig und klagt, ihr sei kalt. Mir wird ganz mulmig zumute. Innerlich bebend lege ich den Arm um sie und drücke sie behutsam an mich. Ich schäme mich ein wenig, weil ich fürchte, sie könnte meine starke Erregung fühlen.

Wir mögen so vielleicht fünf Minuten in unseren Träumen und erwartungsvollen Gedanken versunken dagesessen sein, als ein großer Speditionslastzug wie ein Ungetüm mit gefährlich leuchtenden Augen aus der Dunkelheit auf uns zudröhnt. Gewohnheitsmäßig hebe ich den rechten Daumen in die Luft. Der Fahrer läßt die Bremsen kreischen und hält direkt neben uns. Ich löse mich ein wenig grob aus den Armen der Kleinen, springe auf, öffne die Beifahrertür und klettere aufs Trittbrett.

Na wo wollt ihr beide denn hin?

Richtung Stuttgart?

Nein, fahre nach Würzburg.

Ich halte an der Tür hängend eine Sekunde inne, schüttle den Kopf, bedanke mich und während in meinem Kopf die Relais wie wild klicken und klackern, schlage ich die Türe wieder zu. Ich will heim. Ich kann doch auch über Würzburg und dann die B19 Richtung Schwäbisch Hall nach Hause kommen. In Sekundenbruchteilen schnappe ich meinen Seesack renne zurück zum Lastwagen, der schon wieder anfahren will, reiße die Tür auf und rufe: Ich fahr doch mit, ich komm auch so in meine Richtung.

Dann bugsiere ich den Seesack in die Kabine und ziehe mich rein. Türe zugeknallt, der Fahrer drückt aufs Gas. Und Deine Freundin? Sie muß direkt nach Stuttgart.

Als ich zum Fenster rausschaue, blicken mir Augen nach, so traurig, wie ich mir traurige Augen vorher noch gar nicht vorstellen konnte. Auch schreiende Empörung sehe ich. Und mir ist plötzlich als stecke ein scharfes spitzes Messer in meinem Herzen. Oh, oh, das war nicht gut. Verdammt, verdammt, es ist doch aber ganz unmöglich jetzt dem Fahrer abzuverlangen noch einmal anzuhalten, weil ich es mir wieder anders überlegt habe.

Ich will schreien, ihr mit meinen Augen eine Nachricht übermitteln, ihr wenigstens sagen: entschuldige, ich habe große Sorgen, ich muss heim, ganz schnell.

Mit dem LKW kam ich bis Würzburg. Ein GI nahm mich nach der Autobahnabfahrt noch ein Stück mit. Ich stand mitten in der Nacht einige Kilometer vor Schwäbisch Hall. Dann war Schluss. Es war nach Mitternacht, und es fuhren so gut wie keine Autos mehr auf der Bundesstraße. Gute fünfzig Kilometer von zu Hause entfernt verzog ich mich niedergeschlagen von der Straße in ein großes Feld, wo ich wie betäubt eine Futterrübe ausgrub, aufschnitt und schlecht schmeckendes weißes Fruchtfleisch kaute, um den Hunger zu besänftigen. Dann legte ich mich nieder. Ich lag in meinem Schlafsack allein und starrte den großen rätselhaften Sternenhimmel an, der von mir keinerlei Notiz zu nehmen schien. Ich dachte an Hube und an das Mädchen, und ein paar Tränen rannen mir über das schmutzige Gesicht. Konnte ja keiner sehen. Die Nacht war so zwischen lau und frisch, und ich stellte mir vor, wie schön es gewesen wäre, sie mit dem Mädchen zu verbringen. In meiner Phantasie wäre das die schönste Nacht meines Lebens geworden. In erhabenem Selbstmitleid zerfließend schlief ich mit der Frage ein, was die Seejungfrau wohl gemeint hatte?

Erst gegen Mittag des nächsten Tags kam ich endlich zuhause an. Es zog mich noch am Nachmittag nach O., wo oberhalb des Ortes eine ganze Gruppe Freunde auf einem Gartengrundstück zeltete. Gundi, mein unerreichbarer Schwarm war seit Neuestem mit Micha liiert. Wenige Tage vor meinem Aufbruch mit Hube ins Abenteuer Schottland hatte sie mir gestanden, daß sie in ihn verknallt sei. Ich hatte mit Micha geredet und ein wenig gekuppelt. Nun schliefen sie hier in einem Zelt. Das machte mich traurig, aber es war schon o.k. und ich konnte bei den beiden wenigstens meinen Frust und Ärger, meine Angst und meine Wut wegen Hube loswerden. Beide kannten ihn nur zu gut. Micha ertrug es sogar mit Hube in einer Band – der besten Rock 'n' Roll Band im ganzen Limpurger Land - zu spielen.

Am gleichen Abend noch tauchte er auf. Als er nun auf mich zustapfte ließ er theatralisch seinen Rucksack fallen, den Gitarrenkoffer behielt er in der Hand. Er umarmte mich einarmig. Er war in Inverness nur ein paar hundert Meter entfernt von der Stelle, wo wir uns getrennt hatten in einem Pub beim Whiskey versackt. Ich sagte, du Arschloch, und war froh, dass er da war.

Wir verbrachten den Rest der Ferien mit der Clique auf der Wiese. Von dem zarten Mädchen mit den großen Augen habe ich niemandem etwas erzählt. Aber immer wenn ich abends mit der Gitarre vor dem Zelt saß und meinen ersten Blues, ‚Love In Vain“ von Robert Johnsen übte, wurde mir bewusst, dass ich nicht einmal ihren Namen wusste.


* eigentlich handelte es sich nach der Lehre des Dicken mit der Warze nur um Widersprüche im Volk